Pirschmöglichkeiten
Nachdem ich meine Ängste auf mein T-Shirt geschrieben hatte, blieb eine Mitpraktizierende, die ich schon seit Jahren kenne, stehen und sagte “Lass mich deine Ängste lesen”. Ich schämte mich etwas – als wären meine größten Geheimnisse zur Schau gestellt und dann las sie meine Ängste und ich las ihre. Dann fühlte ich eine Erleichterung und zeigte meine Ängste jeder/m, der oder die in der Nähe war. Meine größten Ängste waren draußen und es gab nichts mehr zu verbergen – ich fühlte mich leichter und glücklicher. Dann begann ich, die T-Shirts um mich herum zu lesen – es fühlte sich an, als würde ich in die Seelen der Praktizierenden um mich herum spähen – ich sah meine Ängste überall aufgeschrieben: Liebe, Tod, Geld, die Menschen mögen mich nicht – es war wie die Schrift an der Wand, die dich plötzlich trifft und du weißt nicht, ob du sie nicht schon einmal woanders gesehen hast.
Ich bemerkte, dass ich viele Male während des Tages aus einer Körperposition der Angst heraus handle. Ja, mit meinen Handlungen möchte ich anderen Menschen gefallen, um zu verhindern, dass sie wütend werden. Was für eine Angst bekomme ich, wenn ich jemanden sehe, der ärgerlich oder wütend ist. Die Bilder von Angehörigen meiner Familie kommen mir in den Sinn.
Vielfragen 06/2019