Sich etwas zu versagen ist bei weitem die schlimmste Form des Sichgehenlassens, es zwingt uns zu glauben, wir täten große Dinge, während wir in Wirklichkeit nur auf uns selbst fixiert sind.

Carlos Castaneda

Was ist Nagualismus?

Ein Überblick

Der Glaube
Grundsätzlich wird im Nagualismus nicht geglaubt, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten versucht, Wissen direkt zu erfahren und zu nutzen.

Gott
Die Bezeichnung „Gott“ wird im Nagualismus nicht gebraucht, da dieser Name für die Tolteken nur die Sehnsucht der Menschheit nach trügerischer Sicherheit und das Übertragen von Verantwortung an eine höhere Macht ausdrückt (Abgesehen davon, was alles schon im Namen Gottes getan wurde).
Im Gegensatz dazu, übernimmt der praktizierende Tolteke immer die Verantwortung für seine all seine Handlungen und klammert sich nicht an jedwede auch nur scheinbare Sicherheit.
Trotzdem gibt es verschiedene toltekische Bezeichnungen für „die Kraft die hinter allem steht“, an denen sich aber nicht zwanghaft geklammert, sondern die pragmatisch im täglichen Leben genutzt werden.

Energie und Wissen
Der Tolteke glaubt an eine alles beinhaltende Macht, von der er ein Teil und an dessen Wachstum und Zerfall er direkt beteiligt ist. Eine Macht die aus Wissen und Energie entsteht und Bewußtsein im Kleinsten und Größten formt.
Er versucht alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um Kraft und Wissen zu sammeln und sein Bewußtsein zu mehren.

Bewußtheit
Hohes Bewußtsein führt zu einer vermehrten Bewußtheit und erzeugt ganzheitliches Wachstum, das neue Zustände und Möglichkeiten schafft. Der Praktizierende nutzt dabei jede sich ihm bietende Schwierigkeit des Lebens als Aufgabe, an der er immer und ohne Vorbehalte wachsen kann. Auch achtet er vermehrt auf Zeichen (Omen), Situationen, Menschen die ihm begegnen, Kräfte die wirken, um seinen Weg zu erkennen und entsprechend dieser Wirkkraft strategisch und achtsam zu handeln.

Energiekörper und Wahrnehmung
Alles was wir Wahrnehmen hängt für den Tolteken nicht nur an der äußern Erscheinungsform, sondern für ihn steht hinter allem das energetische (spirituelle) Selbst, welches diese Zustände formt. Auch hängt die Erscheinungsweise der Dinge davon ab, von welchem Punkt aus wir diese betrachten. Jedes Wesen besitzt in seinem Energiekörper diesen Punkt der intensiver „leuchtet“ als das Umfeld und im Nagualismus, als der Punkt an dem unsere Welt zusammengesetzt oder montiert wird bezeichnet wird.
Dieser Montagepunkt der mehr oder weniger beweglich ist, bestimmt unser Weltbild und unsere Weltsicht und kann durch direkte oder indirekte Ereignisse, aber auch gezielt verschoben werden.
Das heißt, obwohl alles aus reiner Bewußtseinsenergie besteht und sich nach außen hin entsprechend dieser Konstellation darstellt, entscheidet der Betrachter aufgrund der Stellung seines Montagepunktes was und wie er wahrnimmt.

Die Ganzheit des Selbst
Der Tolteke sieht also sowohl die materielle, (materialisierte) die er als das Tonal bezeichnet, als auch die energetische(Geistige, spirituelle) Seite, die für ihn das Nagual repräsentiert. Diese beiden Ebenen bilden zusammen die Ganzheit des Selbst, dessen komplette Funktionen er durch seine Handlungsweisen aktiviert und nutzt, um sich zu vervollständigen und Freiheit zu erlangen.





Umfassender zusammengefasst

Der Ursprung
Der Nagualismus ist vor langer Zeit aus einer schamanischen Tradition in Mittelamerika entstanden.
Wann dieses Wissen auftauchte weiß niemand ganz genau. Es wird aber angenommen, dass es zur Zeit der Hochkultur der Tolteken (10. bis 12. Jahrhundert unserer Zeit) in dieser oder ähnlicher Form entstand.
Ein Großteil des öffentlich zugänglichen spirituellen Wissens der Tolteken stammt von Carlos Castaneda, der ab 1968 eine Reihe von insgesamt 12 Büchern veröffentlichte. Er war es auch, der in seinen Büchern diesen schamanischen Weg als Nagualismus bezeichnete. Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl von Sekundarliteratur mit ergänzenden, aber auch teils widersprüchlichen Aussagen.
Castaneda berichtet im autobiographischen Stil über die Treffen mit dem Yaqui- Indianer Don Juan Matus, der ihn sein Wissen lehrte. Ob Don Juan wirklich existierte oder nur eine fiktive Romanfigur darstellt, ist umstritten. Auch ob Castanedas Erfahrungen auf konkreten Erlebnissen beruhen oder er alles selbst literarisch konstruierte.
Trotzdem sind viele Elemente in den Büchern enthalten, die sehr authentisch sind, einer übergeordneten Logik folgen und es wertvoll erscheinen lassen, sich mit dem Wissen der Tolteken, dem Nagualismus wie Castaneda ihn interpretierte, zu beschäftigen. Nachfolgend werden einige relevante Aspekte dieses Wissens kurz umrissen.

Der Nagualismus ist keine neue Heilslehre, sondern eine den Stoikern ähnlichen Weltanschauung mit transzendentem Hintergrund. Er bietet individuelle Wege, entsprechend der Prägung jedes Einzelnen, sich auf den Weg zu machen, Erkenntnisse zu sammeln und pragmatisch im täglichen Leben anzuwenden. Er betrachtet sowohl den spirituellen, als auch den materiellen Aspekt jedes Daseins als entwicklungsbedingt miteinander verbunden, verspricht keine Belohnung und droht nicht mit Strafe.

Nach toltekischer Anschauung besteht alles aus Kraft (Energie) und Wissen (Informationen). Durch diese beiden Faktoren und die entsprechende Handlungsweise entwickelt sich ein höheres Bewußtsein und im besten Fall vollkommene Bewußtheit.

Handlungsweise eines Praktizierenden
Praktizierende des Nagualismus bezeichnen sich als Jäger von Kraft und Wissen, oder auch als Krieger. Im weiteren Prozess des Wachstums wird über die Stufe des Sehens (Seher) die Welt der sogenannten Zauberei (Zauberer) erreicht. Sie alle sind Tolteken (dem Weg des Wissens folgend).
Die Krieger sehen ihr ganzes Leben und jede Herausforderung als Aufgabe, die sie durch ihre makellosen Handlungsweisen entwickeln können. Jede Tat und jede Handlung zählt dabei.
Der Begriff Krieger ist für viele irreführend, doch gerade die Einstellung eines Kriegers ist der Schlüssel für ein Wachstum, welches jenseits der normalen Erfahrungen liegt. Denn ein Krieger macht sich auf den Weg zum Wissen, wie er sich zum Krieg aufmacht, hellwach, voller Furcht, Achtung und absoluter Zuversicht. Er handelt so, als sei nichts wichtig, weil er an gar nichts glaubt, und doch akzeptiert er alles unbesehen. Er akzeptiert, ohne zu akzeptieren, und leugnet ohne zu leugnen. Nie tut er so, als wisse er, noch tut er so, als sei nichts geschehen. Er handelt so, als ob er die Situation in der Hand hätte, auch wenn ihm vielleicht die Hosen schlottern.

Makellosigkeit
Makellos zu handeln bedeutet für den Krieger, Wissen und Energie für die anstehenden Aufgaben zu sammeln und anzuwenden, ohne sie für Leidenschaften und Torheiten zu verschwenden. Immer sein Bestes zu geben, entsprechend des eigenen Energie- und Wissenstandes. Verantwortung für alle Wirkungen des eigenen Handelns zu übernehmen und niemals aufzugeben, sowohl bei Erfolgen, als auch bei Niederlagen.

Die Rekapitulation des Lebens
Das Ziel der Krieger ist es, sich zu vervollständigen und mit der Ganzheit des Selbst in ihrer vollen Bewußtheit zu der Kraft zurückzukehren, aus der sie ursprünglich stammen. Eine der wichtigsten Techniken ist dabei, daß sie alle Erlebnisse ihres Lebens noch einmal in voller Aufmerksamkeit und Härte durchleben, um so eine Kopie ihres Bewusstseins zu erzeugen, welche sie dann der schöpfenden Macht zur Verfügung stellen. Anders gesagt, werden die durch das Leben geschaffenen und noch vorhandenen Ecken und Kanten durch die Rekapitulation vollends beschliffen, um glatt durch den Tunnel des Lichts (Rad der Zeit) gehen zu können, ohne an irgendeiner Stelle festzuhängen, und dadurch Freiheit zu erlangen.

Pirschen und Träumen
Das Pirschen, Träumen und das Nutzen der Absicht (Schicksalsmacht) sind die drei Techniken, die es den Kriegern ermöglichen, Energie und Wissen zu sammeln, um die beiden Kraftringe der Ganzheit des Selbst zu aktivieren.
Das Pirschen wird in der Alltagswelt, in der Welt der Dinge, des Verstandes, der ersten Aufmerksamkeit praktiziert, während das Träumen das Abstrakte, Unbewußte, die sogenannte zweite Aufmerksamkeit als Wirkebene hat. Diese Techniken werden von den Kriegern entsprechend der eigenen energetischen Struktur angewandt, wobei extrovertierte Menschen es eher im Pirschen, und introvertierte eher im Träumen zur Meisterschaft bringen. Beide Systeme, das Pirschen und das Träumen, nutzen und steuern durch den Willen die ursächliche Schicksalsmacht, die Absicht (Verbindung zum Unbekannten, dem Nagual).

Die Absicht
Die Absicht ist die kreative Kraft, die aufgrund aller unserer Handlungen das entsprechende „Schicksal“ formt. Die direkte Verbindung zur Absicht ist der Wille, die zentrale Steuereinheit des zweiten Ringes der Kraft. (Im Gegensatz zum Verstand, die Steuereinheit des ersten Ringes der Kraft). Über den Willen können die Krieger durch die Absicht eine direkte Verbindung zum Unbekannten, dem Nagual herstellen. Dies ermöglicht es dem Krieger Informationen zu bekommen, um entsprechend zu handeln.
Der Krieger nutzt die Techniken des Pirschens, Träumens und Erkennens von Zeichen (Omen), um diese Verbindung wieder voll für sich zu nutzen. Dieser Prozess wird auch als die Läuterung des Bindeglieds zur Absicht bezeichnet.

Der Energiekörper und der Montagepunkt
Für den Krieger ist die Welt bei Weitem nicht so fest, wie sie dem Durchschnittsmenschen erscheinen mag. Für ihn hängt jegliches Dasein also nicht nur an der äußeren Erscheinung, sondern es steht hinter allem das spirituelle Sein, welches diese Zustände formt. Wenn er Sehen kann, erscheint ihm der materielle Körper als Energiefeld, als leuchtendes Ei, welches einen Punkt besitzt der intensiver „leuchtet“ als das Umfeld. Jener Punkt wird als der Punkt, an dem unsere Welt zusammengesetzt, beziehungsweise montiert wird, bezeichnet. Dieser sogenannte Montagepunkt, der mehr oder weniger beweglich ist, bestimmt unser Weltbild und das was wir wahrnehmen. Man kann sich diesen Punkt als einen Spot, der immer nur einen Teil des Großen und Ganzen beleuchtet, vorstellen. Der Krieger kann aufgrund seiner Techniken, diesen Montagepunkt verrücken und sich dadurch andere Wahrnehmungen und, mithin andere Welten, zugänglich machen.

Tonal und Nagual
Jeder Einzelne in Gemeinschaft mit den anderen Individuen lernt vom Moment der Geburt an, wie die Welt funktioniert und wie sie beschaffen ist. Durch diesen Vorgang schaffen wir Wirklichkeiten und unsere Realität.
Die Krieger bezeichnen diese geschaffene Welt als Tonal, den ersten Ring der Kraft, die Welt des Verstandes, die erste Aufmerksamkeit, das Bekannte, die alltägliche Wirklichkeit.
Der Ursprung unseres Daseins gründet sich aber aus dem Nagual, dem zweiten Ring der Kraft, der zweiten Aufmerksamkeit, dem Unbekannten, Unerkennbaren, der nicht alltäglichen Wirklichkeit.
Diese beiden Kraftringe werden als Ganzheit des Selbst bezeichnet.

Die Ganzheit des Selbst
Laut toltekischer Weltanschauung besitzt jeder Mensch zwei Ringe der Kraft, die seine Existenz und alles was er wahrnimmt, formen. Der erste Ring (rechte Seite, das Bekannte, erste Aufmerksamkeit, das Tonal) umfasst als zentralen Punkt den Verstand und das Sprechen, der zweite Ring (linke Seite, das Unerkennbare, Unbekannte, zweite Aufmerksamkeit, das Nagual) besitzt als Zentrum den Willen und noch fünf weitere Punkte .
Wenn wir auf diese Welt kommen, sind wir noch reines Nagual, doch werden in diesem Moment auch die Funktionen des ersten Ringes aktiviert. Im Laufe des Lebens ordnet der Verstand (der erste Ring der Kraft, das Tonal) immer mehr unsere Welt, vom Unbekannten hin zum Bekannten. Bei den meisten Menschen bestimmt irgendwann das Tonal unser komplettes Dasein und der zweite Ring der Kraft, das Nagual gerät immer mehr in den Hintergrund.
Für den Krieger ist es die Herausforderung seines Lebens, wieder Zugang zum zweiten Ring der Kraft zu bekommen, um beide Kraftringe zu aktivieren und wieder voll zu nutzen. Die Ganzheit des Selbst (Aktivierung beider Ringe) zu erreichen, ist eines der entscheidendsten Bestrebungen aller ernsthaft Praktizierenden des toltekischen Wissens.

Die ursächliche Macht
Die toltekischen Seher sprechen von einer alles beherrschenden und alles durchdringenden Macht, die sie als den Adler bezeichnen (Der Begriff „Adler“ kann durch andere Bezeichnungen ersetzt werden).
Der „Adler“ besteht aus purer Bewußtheit (Energie und Wissen). Diese Energie durchdringt alles und ist alles was ist. Aus dieser Ansammlung von Bewußtheit spalten sich, entsprechend dem Erkenntnisstand und dem Energielevel, fortwährend eigenständige bewußte Energieblasen ab.
Durch diese abgespaltenen Individuen, die Erfahrungen machen (Energie und Wissen sammeln) erweitert sich der „Adler“ und der Kreislauf beginnt von vorn, es sei denn es gelingt mittels der richtigen Strategie und der verschiedenen Techniken am „Adler“ vorbeizugehen.

Der Tod als Lehrer
Der Tod lehrt den Krieger im Hier und Jetzt zu leben. Alles, was wir meinen zu sein, geschaffen zu haben und zu besitzen, hat im Angesicht des Todes keine Bedeutung mehr. Aller Selbstzweifel, alle Selbstüberschätzung, Unzulänglichkeit, Überheblichkeit, eigene Wichtigkeit verschwindet, wenn dem Krieger der Tod gegenübersteht und sein Leben fordert. Das Leben ist der kleine Umweg den der Krieger macht, um von der Endlichkeit wieder zurück in die Unsagbarkeit zu schreiten. Das Leben ist nur ein Abschnitt der Unendlichkeit, die uns als Endlichkeit erscheint. Wenn wir dieses Leben nutzen, um entsprechendes Wissen und genügend Energie zu erlangen, können wir tatsächliche Freiheit erreichen.




Anhang

Der toltekische Weg

  1. Der Adler ist die höchste Kraft des Universums die Bewußtheit nimmt und schenkt.
  2. Der Tod ist die ausführende Gewalt im Universum, die uns auf eine andere Ebene transformiert.
  3. Die Absicht ist die bestimmende Kraft im Universum die aufgrund der Ausrichtung das Schicksal aller Existenzen steuert.
  4. Der Wille ist die Ausrichtung und direkte Verbindung der Existenz hin zur Absicht der Schicksalsmacht.
  5. Der Verstand ist das ordnende Element jeder bewußten Existenz.
  6. Das Tonal , der erste Ring der Kraft, ist die durch den Verstand bekannte und erkennbare Welt der bewußten Existenz.
  7. Das Nagual , der zweite Ring der Kraft, ist das Unbekannte, Unerkennbare, die Unendlichkeit und nur durch den Willen direkt zu erfahren.
  8. Das Pirschen ist eine Methode der alltäglichen Wirklichkeit, eine Verbindung zur Unendlichkeit herzustellen.
  9. Das Träumen ist eine Methode in der nichtalltäglichen Wirklichkeit, eine Verbindung zur Unendlichkeit herzustellen.
  10. Die Ganzheit des Selbst ist die individuelle Struktur aller bewußten Lebewesen, um ganzheitliche Erfahrungen zu machen.
  11. Der Energiekörper ist eine Ansammlung von Energie aller Existenzen, die jeweils unterschiedliche Formen, sowohl organischer als auch anorganischer Struktur haben.
  12. Der Montagepunkt ist die zentrale Einheit jeder möglichen Existenz, die den Fokus auf eine bestimmte Wahrnehmung schafft und so ihre Wirklichkeit formt.
  13. Die Makellosigkeit ist eine Handlungsweise eines Praktizierenden der Tolteken, um Energie und Wissen zu sammeln.
  14. Ein Krieger ist ein Praktizierender der toltekischen Künste, Pirschen, Träumen und Absicht.
  15. Energie und Wissen ist die essentielle Triebkraft des Universums die Bewußtheit schafft.
  16. Bewußtheit ist die Essenz des Bewußtseins, sozusagen der Kern, die bildende Struktur, aus der sich neue Existenzen formen.