Das zentrale Element aller Anschauungen, Philosophien und Religionen ist der Tod, weil er die meisten Menschen ängstigt und man sich am Liebsten überhaupt nicht an Ihn erinnern möchte. Er ist für uns Lebende eine unvermeidliche, unausweichliche und düstere Barriere. Deshalb hier eine eigene Rubrik über den Tod. Wie ist die Sicht der Tolteken?
Carlos Castaneda Buch VIII Die Kraft der Sille
don juan:
Die vorstellung des todes ist darum von unermeßlicher bedeutung im leben eines zauberers. ich habe dir unendlich viel über den tod erzählt, um dich zu überzeugen, dass die kenntnis von unserem drohenden und unvermeidlichen ende uns besonnenheit gibt. unser kostspieligster fehler als normale menschen ist, dass wir uns dem gefühl der unsterblichkeit hingeben. es ist, als könnten wir uns vor dem tod schützen, indem wir nicht an ihn denken.
castaneda:
du musst doch zugeben, don juan, dass das nichtdenken an den tod uns gewiss davor bewahrt, uns seinetwegen sorgen zu machen.
don juan:
ja, diesen zweck erfüllt es, aber solch ein zweck ist schon eines durchschnittsmenschen unwürdig-für einen zauberer ist er ein hohn. ohne eine klare vorstellung vom tod gibt es keine ordnung, keine besonnenheit, keine schönheit. die zauberer streben nach dieser einsicht, die ihnen mit tiefster klarheit zu erkennen helfen soll, dass sie keinerlei gewissheit haben ob ihr leben über den augenblick hinaus andauern wird.
gedicht:
…dieses unaufhörliche beharrliche sterben,
dieser lebendige tod,
der dich mordet, oh gott,
in deinem unerbittlichen werk,
in den rosen, in den steinen,
in den unbezwingbaren sternen
und in dem fleisch, das niederbrennt
wie ein freudenfeuer, entzündet durch ein lied,
einen traum,
ein farbton, der das auge trifft.
…und du, du selbst,
starbst vielleicht ewigkeiten von hier,
ohne dass wir davon erfuhren,
wir-bodensatz, krumen und asche von dir;
du, der du immernoch gegenwärtig bist,
wie ein stern, vorgetäuscht durch sein licht,
ein leeres licht ohne stern,
dass uns erreicht,
seine unendliche katastrophe
verbirgt.
don juan:
wenn ich diese worte höre, spüre ich , dass dieser mann das wesen der dinge sieht, und ich kann mit ihm sehen. ich kümmere mich nicht darum wovon das gedicht handelt. ich kümmere mich nur um das gefühl, dass die sehnsucht des dichters mir vermittelt. ich borge mir seine sehnsucht, und mit ihr borge ich mir seine schönheit.
castaneda:
würdest du sagen, don juan, das der tod der einzige wirkliche feind ist, den wie haben?
don juan:
nein, der tod ist kein feind, auch wenn er dies zu sein scheint. der tod ist nicht unser zerstörer, auch wenn wir dies glauben.
castaneda:
was ist er denn, wenn nicht unser zerstörer?
don juan:
die zauberer sagen, der tod ist der einzige würdige gegner , den wir haben. der tod ist unser herausforderer. um seine herausforderung anzunehmen sind wir geboren – ob durchschnittsmenschen oder zauberer.
castaneda:
ich selbst würde sagen, don juan, dass das leben, und nicht der tod, die herausforderung ist.
don juan:
das leben ist der prozess. mittels dessen der tod uns herausfordert. der tod ist die aktive kraft. das leben ist die arena. und in dieser arena stehen immer nur zwei kämpfer zur gleichen zeit; man selbst und der tod.
castaneda:
ich würde meinen, dass wir menschen die herausforderer sind.
don juan:
ganz und garnicht. wir sind passiv. denk einmal darüber nach. wenn wir uns bewegen, dann nur, weil wir den zwang des todes fühlen. der tod bestimmt das tempo unserer handlungen und gefühle, er stößt uns erbarmungslos weiter, bis er uns zerbricht und den kampf gewinnt, oder aber, wir erheben uns über alle möglichkeiten und besiegen den tod.
die zauberer besiegen den tod, und der tod erkennt die niederlage an, indem er die zauberer freigibt, um sie nie wieder herauszufordern.
castaneda:
das bedeuter, dass die zauberer unsterblich werden?
don juan:
nein, das bedeutet es nicht. der tod hört auf, die herauszufordern, das ist alles.
Carlos Castaneda Buch XII Das Wirken der Unenedlichkeit
don juan:
wir sind wesen die auf dem weg sind zu sterben, wir sind nicht unsterblich, aber wir verhalten uns so, als ob wir das seien. diese schwäche ist unser untergang als individuen, und sie wird eines tages unser untergang als menschheit sein. es bedarf einer sehr großen anstrengung, das wissen um die eigene sterblichkeit als unumstößliche gewissheit zu haben und zu behalten.
castaneda:
warum fällt es uns so schwer, etwas so richtiges anzuerkennen?
don juan:
das liegt nicht wirklich an den menschen. eines tages werde ich dir mehr über die kräfte sagen, die den menschen dazu bringen, sich wie ein dummkopf zu verhalten.
Carlos Castaneda Buch II Seite 44 Eine andere Wirklichkeit
“Ein Krieger denkt an seinen Tod, wenn die Dinge unübersichtlich werden.”
“Das ist noch schwerer, Don Juan. Für die meisten Menschen ist der Tod etwas Ungewisses und Fernes. Wir denken nie an ihn.”
“Warum nicht?”
“Warum sollten wir?”
“Sehr einfach”, sagte er, “weil der Gedanke an den Tod das einzige ist, was unseren Geist mäßigt.”
Carlos Castaneda Buch II Seite 128- 130 Eine andere Wirklichkeit
Aber sobald das Wissen zu einer furchterregenden Angelegenheit wird, erkennt der Mensch gleichzeitig, daß der Tod als unersetzlicher Partner neben ihm auf der Matte sitzt. Jedem Stück Wissen, das Macht wird, wohnt der Tod als zentrale Kraft inne. Der Tod gibt die letzte Prägung, und was vom Tod geprägt wird, verwandelt sich in wirkliche Macht.
Ein Mann, der dem Weg der Zauberei folgt, ist bei jedem Schritt mit seiner drohenden Vernichtung konfrontiert, und so wird er sich unausweichlich seines Todes deutlich bewußt. Ohne das Bewußtsein des Todes wäre er nur ein normaler Mensch, der sich mit normalen Taten abgibt. Es würde ihm die notwendige Potenz, die notwendige Konzentration fehlen, die unsere alltägliche Zeit auf Erden in magische Macht verwandelt.
Darum muß ein Mann, um ein Krieger zu sein, in erster Linie mit seinem Tod vertraut sein. Und das zu Recht. Die Furcht vor dem Tod zwingt jeden von uns, sich auf unser Selbst zu konzentrieren, und das schwächt uns. Das nächste, was ein Krieger braucht, ist daher das Losgelöstsein. Der Gedanke an den bevorstehenden Tod verliert dann alles Beängstigende und wird etwas Gleichgültiges.”
Nur der Gedanke an den Tod verhilft einem Mann zu einer so hochgradigen Gelöstheit, daß er sich an nichts mehr hingeben kann. Ein solcher Mann ersehnt nichts, denn er hat eine ruhige Freude am Leben und an allen Dingen des Lebens erlangt. Er weiß, daß der Tod hinter ihm schreitet und ihm nicht die Zeit läßt, sich an irgend etwas zu klammern. Und so versucht er alles und jedes, ohne sich jedoch daran zu hängen.
Ein losgelöster Mann, der weiß, daß es keine Möglichkeit gibt, dem Tod zu entkommen, hat nur eines, worauf er sich stützen kann: die Macht seiner Entscheidungen. Er muß sozusagen Herr seiner Entscheidungen sein. Er muß ganz begreifen, daß er für seine Entscheidungen verantwortlich ist, und daß, wenn er sie einmal getroffen hat, keine Zeit für Reue oder Beschuldigungen bleibt. Seine Entscheidungen sind endgültig, einfach weil der Tod ihm nicht die Zeit läßt, sich an irgend etwas zu klammern.
Und so, im Bewußtsein des Todes, losgelöst und mit der Macht seiner Entscheidungen, lebt der Krieger sein Leben wie eine strategische Aufgabe. Das Wissen um seinen Tod führt ihn, hilft ihm, sich zu lösen und gibt ihm Kraft und Gelassenheit. Die Macht seiner endgültigen Entscheidungen befähigt ihn, ohne Bedauern seine Wahl zu treffen, und was er wählt, ist immer strategisch das beste. So tut er alles, was er tun muß, mit Vergnügen und mit frischen Kräften.
Wenn ein Mann sich so verhält, dann kann man mit Recht sagen, daß er ein Krieger ist und Geduld erlernt hat!”
“Wenn ein Krieger Geduld gelernt hat, dann ist er auf dem Weg zu seinem Willen. Er hat gelernt zu warten. Der Tod sitzt neben ihm auf der Matte, sie sind Freunde. Der Tod berät ihn auf mysteriöse Weise, wie er sich entscheiden, wie er strategisch leben soll. Und der Krieger wartet. Ich behaupte, daß der Krieger ohne Eile lernt, weil er weiß, daß er auf seinen Willen wartet.